Warum nur will mein Kind ALLES haben?


 

„Mama, schau mal, dieser kleine Schlüsselanhänger, eine Seilbahn, ich will den unbedingt haben. Kaufst Du mir den?“ Mein Sohn schaut mich mit großen Augen an.


Ich komme gerade von der Toilette einer Seilbahnstation im Allgäu, von wo wir unsere Tour zum Steinzeitdorf starten wollen. Mein Sohn (ich nenne ihn hier zu seinem Schutz mal Michel), der mich mit so großen, in meiner Bewertung sehnsüchtigem Blick anschaut, ist 5 Tage vorher 9 Jahre geworden, hat einige Geschenke und auch Geld bekommen. Dieses hatte er die Tage zuvor schon in einem Spielwarenladen und auf der Mittelstation einer Seilbahnstation in eine Pistenraupe und einen ADAC Hubschrauber investiert.


Das alles, und auch, dass wir (Christian, Michel und ich, in unserem Urlaub im Allgäu), nun loslaufen wollen, geht mir durch den Kopf. Ehrlich, ich bin leicht genervt (vermutlich ist das untertrieben) von diesem ständigen „ich will das haben“.


Meine Güte!


Außerdem sind wir mit dem Bus hier, der zu einer bestimmten Zeit zurückfährt, um dann noch zu schaffen, die Pferde mit von der Weide zu holen – ein großes Anliegen von Michel.


Also wende ich das an, was mir ganz oft hilft: ich schweige einen Moment, atme tief durch, spüre mich und merke: ich brauche jetzt Raum.


Dafür mag ich Zeit gewinnen und schlage vor: „Hey, ich höre, du möchtest diese Seilbahn so gerne haben. Schauen wir mal was sie kostet?“ (10 Euro!) „Gleichzeitig möchtest Du nachher die Pferde mit von der Weide holen. Was hältst Du davon, wenn wir jetzt loslaufen und später darüber reden? Ich mag in Ruhe mit Dir drüber reden – was hältst Du davon?“


Halleluja, er ist einverstanden, und wir kommen los. An einem Bach vorbei (Michel spielt dort kurz mit den Steinen), Blumen säumen unseren Weg, wir laufen durch den Wald, treffen Leute mit einem Hund, Luna. Michel wirft Stöckchen für Luna.


Mir macht es Freude, zuzuschauen. Voller Freude sehe ich, wie er mit Menschen spricht, wie er mit Tieren umgeht (in meiner Bewertung rücksichtsvoll, achtsam). Was für eine Entwicklung – für mich erfüllt sich dadurch Entspannung.


„Mama, kaufst Du mir nachher die Seilbahn?“


Ha meine leise Hoffnung, dass er das vergessen hat, zerplatzt wie eine bunte, zunächst sehr schillernde Seifenblase. Gleichzeitig bin ich nun, nach der Freude und Entspannung unterwegs gut genährt, neugierig, herauszufinden, worum es ihm geht.


„Du möchtest diesen Schlüsselanhänger so gerne haben, oder?“ (klar will er das).

„Der gefällt Dir so gut, oder?“ (ja logisch).

„Wenn Du den Anhänger hättest, was würdest Du denn dann gerne damit machen?“

Michel: „Oh ich würde den an meinen Hausschlüssel machen“.

„Ah echt? Wie viele Anhänger hast Du da denn schon dran?“

„4“.


„hm magst meinen Gedanken dazu hören?“

"Ja".

„Das sind echt viele Anhänger, da sind ja auch kleine Kuscheltiere dabei. Ich habe da den Gedanken, dass der Schlüssel mit den vielen Anhängern gar nicht mehr in die Tasche vom Schulranzen passt. Was meinst Du?“

Er: „Hm ja ich könnte die Anhänger immer abwechselnd dran machen. Den einen Tag zwei, den nächsten Tag andere 2. Dann passt das auf jeden Fall in den Ranzen.“


Spannend, denn jetzt komme ich auf Ideen zu seinem Bedürfnis und vermute: „Ah ja das wäre natürlich möglich. Geht´s Dir da um Vielfalt?“ „Jaaaa“ „…und auch um Abwechslung?“

„Ja“


Ok, Abwechslung und Vielfalt sind Bedürfnisse, die mir auch wichtig sind.


Ich sag sowas wie „ah jetzt verstehe ich glaube ich, worum es Dir dabei auch geht.“


Ich mache eine Pause, nicht nur, um beim Wandern gut Luft zu bekommen. Ich merke Druck in meiner Brust. Was ist das denn? Aaaah ja klar, ich habe ihn zwar nun gehört, mich selber aber noch nicht. Und: ich habe große Lust, dass Michel meine Gedanken mitbekommt. Ich mag nicht einfach „nein“ sagen (das fällt mir eh so schwer).


„Hm ich hab jetzt gehört, worum es Dir geht, und, da ich echt Widerstand in mir spüre, mag ich schauen worum es mir geht…hm.“ Da er schweigt und zuhört, rede ich weiter. „Ich überlege gerade, woraus das besteht. Weißt Du das?“

„Kunststoff“

„…hm und ich glaube so ein Metall, oder?“

„Ja“

„ah und mir fällt gerade auch auf, dass es echt viel Verpackung ist für so ein kleines Teil: da ist bunte Pappe, dann ist das noch einmal mit Kunststoff drumherum, das alles landet dann im Müll. Puh ich merke, wie ich da echt einen Schmerz in mir habe“ (wir hatten beim Wandern immer wieder Müll gesammelt und ins Tal getragen, weil uns die Umwelt und die Natur sehr wichtig sind).
„…und deshalb mag ich das gar nicht so unterstützen, ich mag nicht dass so viele Sachen produziert werden müssen. Wie geht´s Dir damit?“

„Hm ja das bringt aber doch gar nichts, wenn wir das nicht kaufen, dann kaufen das andere Leute.“

„Ja kann sein, dass andere Leute das kaufen. Nun stell Dir mal vor, alle Leute denken mehr darüber nach, und kaufen das nicht. Die Verkäufer würden merken, dass die Sachen gar nicht gekauft werden, sie würden das nicht nachbestellen, das müsste nicht mehr produziert werden. Das wäre ein großer Unterschied, oder?“

„Ja wenn alle so denken würden, schon…“


Wir kommen an einen Aussichtpunkt, genießen den Ausblick in die Berge, in wunderschöne Natur. Als wir weitergehen, frage ich noch einmal nach, wie es ihm jetzt geht und ob er noch weiter reden mag.


„Nein, ich will die Seilbahn nicht mehr haben, mir ist die Natur wichtig, ich mag ein Beitrag sein“.


Wow. Wie kam es denn dazu? Krass.


„Wenn wir wirklich gehört werden mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, ändern wir uns.“

Marshall B. Rosenberg


Er wurde gehört und verstanden – war danach bereit, mich zu hören, weitere Bedürfnisse in den Blick zu nehmen. Und für dieses Mal zu entscheiden: möchte ich doch nicht.


Heute früh dann ging es um Wanderstöcke – mit wenig Zeit, da Michel dann von seinem Papa abgeholt wurde. Ich hab das mit der Umwelt wieder gebracht und hey, aktuell will er immer noch diese Wanderstöcke haben (obwohl er meine ausleihen könnte).


Als er weg war, habe ich überlegt, was dieses Mal anders war, warum es „nicht funktioniert“ hat. Mir ist klar geworden, dass ich dieses Mal ihn nicht gehört habe in seinen Gefühlen und Bedürfnissen, sondern gleich reagiert habe. Und ich weiß jetzt schon, dass ich das Thema mit ihm gerne noch einmal besprechen möchte. Ich mag ihn empathisch abholen (bei den Wanderstöcken kann ich mir vorstellen, dass es ihm um Vertrauen, ernst genommen werden geht, sich verlassen können“.


Und wie auch immer das ausgeht (vielleicht hole ich ihm dann Kinderwanderstöcke, vielleicht will er auch keine mehr) – meine Erfahrung ist:


es entstehen so berührende Momente, Verbindung ist erfüllt, Vertrauen, Nähe, sich immer mehr kennenlernen.


Ich freue mich schon jetzt auf das Gespräch mit ihm, und auf viele weitere:


„Mama ich will das haben. Kaufst Du mir das?“


Heute schreibt Dir Heidi, Mama von 5 Kindern, Trainerin für Achtsame Kommunikation und Mediatorin aus Leidenschaft. Sie lebt mit Christian und Ihrem Sohn (8) am Bodensee.


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