Unterschied zwischen Auslöser und Ursache

Oder: Warum andere Menschen und deren Verhalten NICHT für meine Gefühle verantwortlich sind!



Ein Beispiel aus dem echten Leben:
Gestern Abend habe ich mich mal wieder dabei ertappt, dass ich sauer auf meine Tochter war, weil sie in einer Lautstärke gesungen hat, dass die Wände gebebt haben.


Es war ganz offensichtlich: weil sie so laut gesungen hat, MUSSTE ich so gereizt reagieren. Gleichzeitig meldete sich eine innere Stimme (mein innerer Wolf) und schimpfte, dass ihr Verhalten völlig rücksichtslos wäre und dass sie gar nicht mitbekäme, wenn es mir schlecht geht. Und dass ich ihr wohl völlig egal bin.


Auf den ersten Blick sieht es so aus,

als wäre ihr Singen tatsächlich der Grund für meine Gereiztheit.


Als inzwischen doch schon etwas geschulter in der Anwendung der GFK, habe ich mich daran erinnert, dass ich mich an manchen Tagen richtig über ihren Gesang freue: ich spüre ihre Lebendigkeit und ihre Lebensfreude und kann mich dann mit ihr freuen. In diesen Momenten erlebe ich mich sehr verbunden und ich kann ganz stark meine Liebe zu ihr spüren. Alles in mir wird weich. Und auch ich erlebe mich lebendig.


Wenn also tatsächlich das Verhalten  meiner Tochter der Grund für meine Gereiztheit wäre, dann müsste ihr Singen IMMER dazu führen, dass ich gereizt reagiere.


Und das ist - wie wir gerade gesehen haben - definitiv nicht der Fall.


Und jetzt kommen wir zum wirklichen Grund:
An dem Abend, als sie so laut gesungen hat, war ich erschöpft und innerlich angespannt. Ich sehnte mich nach Ruhe und Entspannung. Das war oberflächlich gesehen die ersten Bedürfnisse, mit denen ich in Verbindung kam, und die in dem Moment nicht erfüllt waren. Als ich noch tiefer in mich hineinspürte, bemerkte ich, dass die Urteile über ihr Verhalten mich noch zu anderen - tiefer liegenden - Bedürfnissen hinführten: Ich wünschte mir Rücksichtnahme und Gesehen werden und dass ich Bedeutung habe und wichtig bin.


Ich reagierte also gereizt,

WEIL ICH Bedeutung haben und wichtig sein wollte.


Und in meinem Urteil zeigte das Verhalten meiner Tochter eindeutig, dass ich für sie nicht wichtig war.


Wie entlastend war es dann für mich, als ich mich darauf konzentrierte, welche Bedürfnisse sie sich wohl selbst erfüllte, wenn sie in den hellsten Tönen vor sich hin trällerte:

Vermutlich wollte sie sich entspannen und nach einem stressigen Schultag einfach Leichtigkeit erleben, sich lebendig fühlen, die eigene Kreativität ausleben und Freude spüren. Bei diesen Gedanken wurde mir dann zwar leichter ums Herz, aber meine Bedürfnisse nach Gesehen werden und Bedeutung haben waren ja immer noch nicht erfüllt.


Gab es denn irgendwelche Möglichkeiten, mir diese Bedürfnisse auf eine andere Art und Weise zu erfüllen? 


Eine Möglichkeit wäre gewesen, ihr zu sagen, wie es mir in dem Moment ging und ihr eine Bitte zu stellen: „Ich habe einen total anstrengenden Tag hinter mir, an dem ich mich auch ziemlich über einen Kollegen geärgert habe. Ich bin total müde und kann gerade nur ganz schwer laute Töne aushalten. Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Ruhe. Wäre es ok für dich, wenn du entweder leiser singst, oder zum laut Singen nach oben gehst?“.
Wenn sie das getan hätte, wäre mein Bedürfnis nach Ruhe erfüllt gewesen, gleichzeitig aber auch das Bedürfnis nach Gesehen und Gehört werden. Gleichzeitig hätte meine Tochter zu dieser Strategie auch „NEIN“ sagen können, wenn ihr die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse in dem Moment wichtiger gewesen wäre.


Für einen solchen Fall ist es hilfreich, wenn ich auch andere Strategien zur Verfügung habe, um meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.


Eine Möglichkeit wäre es zum Beispiel, mir die Bedürfnisse selbst zu erfüllen: mich selbst zu sehen und mich mit meinen Bedürfnissen ernst zu nehmen: „Ich gehe jetzt mal nach oben, weil ich mega-müde bin und diesen Lautstärkepegel nur schwer aushalten kann.“ Dadurch würde ich für mein Bedürfnis nach Ruhe sorgen und mich selbst gleichzeitig ernst nehmen. Und wenn mir zusätzlich auch noch der Kontakt und die Verbindung zu meiner Tochter wichtig ist, dann könnte ich ergänzend noch folgende Bitte stellen: „Es interessiert mich sehr, wie es dir heute in der Schule ergangen ist.  Hättest du Lust, mir vor dem Schlafengehen noch ein bisschen von deinem Tag zu erzählen? Oder wäre dir ein anderer Zeitpunkt lieber?“


Und auch hier ist es durchaus möglich, dass sie „NEIN“ sagt, weil sie vielleicht am nächsten Tag eine Prüfung hat, für die so noch lernen möchte. Dann ist es wichtig, dass ich mein Wohlbefinden nicht davon abhängig mache, ob sie sich nun so verhält wie ich mir das wünsche oder nicht.


DENN:

Andere Menschen sind NICHT für meine Gefühle verantwortlich!


Es ist meine eigene Verantwortung herauszufinden, welches Bedürfnis gerade nicht erfüllt ist und mir Strategien zu suchen, wie dieses erfüllt werden kann.


Und hierzu brauche ich nicht zwingend die Unterstützung von außen: Manchmal sind andere Menschen bereit, mir dabei zu helfen. Manchmal aber auch nicht. Dann ist es wichtig, dass ich mich meiner Haltung vergewissere: bin ich bereit anzuerkennen, dass die Bedürfnisse anderer Menschen genauso wichtig sind wie meine eigenen?


Immer dann, wenn ich nicht mehr davon abhängig bin, dass sich der/die andere zwingend auf eine bestimmte Art und Weise verhält, öffnet sich ein Raum, in dem Wundersames geschehen kann:


Menschen sind plötzlich viel öfter bereit,

mich bei der Erfüllung meiner Bedürfnisse zu unterstützen.



Mit herzlichem Gruß,

Simone

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