Artikel von Simone Otterbein

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Innere Anteils-Arbeit oder: was ist eigentlich los bei mir? Eine Prozessbegleitung


Ich habe vor kurzem einen Prozess begleitet. Die Frau, nennen wir sie Lydia, war sehr aufgewühlt, weil sie in einer schwierigen Situation nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte. Eine sehr gute Freundin von ihr befand sich schon seit Jahren im Streit mit dem als sehr dominant erlebten eigenen Bruder. Dieser Bruder war (und ist) gleichzeitig ein guter Freund von Lydia. Als nun die Freundin schwer erkrankte, äußerte diese den Wunsch, dass Lydia dem Bruder nichts von der Krankheit sagen solle. Gleichzeitig wusste Lydia, dass der Bruder sowohl die Kompetenz als auch die finanziellen Mittel hätte, um seiner Schwester zu helfen. Lydia wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und wünschte sich Klarheit.


Wir haben dann nacheinander ziemlich intensiv mit den beiden Anteilen gearbeitet, die in ihrem Inneren so stark im Widerstreit waren.


Als sie sich in den ersten Anteil hineinversetzte, dem es wichtig war, den Wunsch ihrer Freundin zu respektieren, dass der Bruder nichts von ihrer Erkrankung erführe, wurde es ihr ganz eng in der Brust. Sie spürte einen Druck und hatte Angst vor den negativen Konsequenzen, die es haben könnte, wenn sie gegen den ausdrücklichen Wunsch der Freundin handeln würde. Sie erkannte, dass es dem Anteil um Loyalität, Freundschaft und Vertrauen ging.


 Als sie dann den Stuhl wechselte, um sich in den zweiten Anteil einzufühlen, spürte sie, wie innerlich alles in Aufruhr kam: ihr Herz klopfte schneller, der ganze Körper spannte sich an. Es war für sie so, als ob sie Widerstand leisten müsste. Irgendeine Stimme in ihr sagte, dass es sich um eine Ausnahmesituation handele und dass es wichtig wäre, den Bruder zu informieren. Diesem Anteil war es ein wichtiges Anliegen, beitragen und helfen zu wollen und bestmöglich zu unterstützen. Auch Ehrlichkeit und persönliche Integrität kamen als Bedürfnisse zum Vorschein.


Nachdem die beiden Anteile ausgiebig gehört worden waren, kam Lydia für sich zu der Entscheidung, den Bruder informieren zu wollen. Da Lydia Bedenken hatte, ob der Bruder überhaupt zuhören würde, schlug ich vor, in einem Rollenspiel verschiedene Varianten auszuprobieren. In den ersten Runden übernahm Lydia zunächst ihre eigene Rolle und formulierte verschiedene Varianten für den Gesprächseinstieg. Wir ergänzten dann verschiedene Aspekte, wie z.B. die Frage danach, ob der Bruder das, was Lydia ihm sagen wollte, überhaupt hören will.


Als ich selbst in der Rolle des Bruders war, war mir nicht klar, worauf Lydia hinauswollte und um was es ihr eigentlich ging. Es schien, als würde noch irgendetwas fehlen.


Dann bin ich in die Rolle von Lydia geschlüpft und hatte den Impuls, davon sprechen zu wollen, wie es MIR als Lydia gerade geht: dass ich mich gerade sehr um meine Freundin sorge und mich als heillos überfordert erlebe. Ich habe überhaupt keine Idee, wie ich helfen könnte und fühle mich richtiggehend hilflos. Und dass ich Unterstützung und Orientierung bräuchte.


Als ich das ausgesprochen habe, öffnete sich plötzlich eine Tür für Lydia: der Zugang zu noch weiteren Bedürfnissen. Sie bemerkte, dass sie sich tatsächlich konkrete Unterstützung und Klarheit wünschte über Optionen, die der Freundin helfen könnten. Sie bemerkte, dass es nur vordergründig darum ging, den Bruder zu informieren, sondern dass ihr eigentliches Anliegen war, sich diese Überforderung überhaupt erst einmal einzugestehen und damit auch gehört zu werden sowie konkret um Unterstützung zu bitten und selbst auch wieder handlungsfähig zu werden. Ihr gesamter Körper entspannte sich: sie spürte, dass sie jetzt bei dem angekommen war, worum es ihr eigentlich ging.


Im Verlauf des Prozesses hatte sich etwas Grundlegendes in Lydias Haltung verändert:
Während sie in den ersten Gesprächssequenzen mit ihrem Fokus bei den anderen war und auch eine bestimmte Erwartungshaltung hatte („wenn ich den Bruder informiere, dann wird er seiner Schwester helfen“, „wenn ich es dem Bruder sage, dann wird mir meine Freundin vielleicht die Freundschaft kündigen“), verlagerte sich in der zweiten Sequenz der Fokus auf sie selbst: sie erkannte, dass sie mit ihren Sorgen gehört werden wollte und dass sie sich einen Austausch wünschte, durch den sie selbst auch wieder in ihre eigene Handlungsfähigkeit käme. Diese Erkenntnis verlieh ihr eine innere Kraft, die sie dann dazu befähigte, in großer innerer Klarheit mit dem Bruder zu telefonieren, mit der Folge, dass dieser sich ebenfalls öffnete. Es entstand eine – wie sie später schrieb – vertrauensvolle Verbindung und es kristallisierten sich Ideen heraus, wie man die Freundin bzw. Schwester unterstützen könnte.



Ich habe für mich daraus die Erkenntnis gezogen, dass es sich bei (inneren) Konflikten häufig lohnt, geduldig zu sein und dass sich manche Erkenntnisse erst zeigen, wenn man ihnen ausreichend Zeit und Raum einräumt. 



Hinzu kommt die Begeisterung darüber, wie kraftvoll eigene Aussagen werden und wieviel Verbindung entsteht, wenn Menschen mit ihren Bedürfnissen verbunden sind und darüber sprechen, was sie wirklich bewegt. 



Wenn du Fragen hast oder deine Gedanken und Impulse zu dem Text teilen möchtest, schreibe mir gerne eine Mail oder rufe mich an.


Liebe Grüße,
Simone
0151/44 34 91 59
kontakt[at]simone-otterbein.de

 


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